Das war’s dann wohl

Ich hasse das! Da gibt man sich alle Mühe schon glatt und weiß zu bleiben. Stets bereit, die hervorragendsten und genialsten Gedanken seines Besitzers zu empfangen. Rein und unberührt. Und dann das! Das ist doch nicht sein Ernst?
Seit Wochen liege ich nun schon hier rum und warte. Hoffe. Träume. Bete. Erdenke mir die unglaublichsten Geschichten. Was wird wohl auf mir niedergeschrieben? Die weltrettende Formel für Kalte Fusion? Ein pointiertes Literatur-Preis-Gedicht? Ein Milliardenschwerer Kaufvertrag? Ein herzerwärmender Liebesbrief? Ich war so was von gespannt. Zum zerreißen gespannt. Aber ich bemühte mich in Form zu bleiben. Für ein anständiges Blatt Papier gehört sich das ja auch, haben mir meine Eltern beigebracht.
latt papier von halmackenreuter www.pixelio.deDann, endlich, sah ich das Licht. Ich war der Nächste. Ich hätte mich kringeln können vor Aufregung. Fragen schossen mir durch meine zellstruktur: Was passiert jetzt mit mir? Was wird mein bedeutender Herr und Meister mit mir tun?
Die Hand senkte sich. Ich bekann ganz leicht zu zittern. Doch wo war der Stift? Ohne Stift kann man doch gar nichts mit einem wie mir anfangen. Wo zum Teufel war der Scheiß-Stift?
Tja, kein Stift. Nie mehr. Dieser Banause hat mich zerknüllt. Einfach so. Ohne mir vorher auch nur irgendetwas anzuvertrauen. Wenn ich wenigstens schon vollgekritzelt oder bekleckert gewesen wäre. Aber nein: ich sah gut aus. Super! Ein Traum von einem weißen Blatt Papier. Und dieser Kerl hat nichts Besseres zu tun, als mich zu zerknüllen. Ein Alptraum! Wenn das meine Mutter wüsste. Die war so stolz auf mich. „Eines Tages, mein Sohn“, hat sie immer gesagt. „Eines Tages wirst Du genauso berühmt werden wie unser Urahn Martin. Was wäre wohl mit der Welt passiert, hätte er nicht so beharrlich an dieser  Kirchentür gehangen. Allen Schmerzen zum Trotz.“ Ja, ja.  Ur-Ur-Ur- Und-was-weiß-ich-wieviele-Urs-noch-Großvater Martin hatte es gut. Dieser Luther hatte eben etwas zu sagen. Mein Eigentümer halt nicht.
Anstatt dass er mich dann wenigstens mit meiner Scham alleine lässt und in den Papierkorb schmeißt – vielleicht mit einem siegbringendem Drei-Punkte-Wurf, so wäre  ich wenigsten zu etwas nütze gewesen -, legt er mich oben auf so ein dämliches Flipcharge. Damit mich und meine deformierte Gestalt auch ja jeder sehen kann. Toll! Ganz toll!
Ich kann es kaum erwarten endlich im Reißwolf zu landen. Ich bin fertig mit dieser Welt. Schönen Dank noch. Tschüss! Adieu! Lebwohl! Arrivederci!