Alles im Fluss

Klinkenputzen scheint nicht sein Ding zu sein. Ein bisschen unentschlossen, steht er vor der Tür, schaukelt von einem Bein auf das andere, die Bewerbungsmappe wiegt schwer in seiner Hand. Heute will er sicher gehen, dass seine Bewerbung auch ankommt. Deshalb gibt er sie auch am Stichtag persönlich ab.
Jetzt gilt es: Bauch rein, Brust raus, energisch anklopfen, kurz warten und rein. Ursula Meyer sitzt am Telefon, nickt entnervt , winkt Josef Wandel heran. „Ja natürlich schicken sie mir das einfach per Mail. … Nein, der Termin ist am 15.“ In ihren Gedanken hat sich der Störenfried gerade in Luft aufgelöst. Wandel wartet. Die rausgereckte Brust fällt etwas ein, die Schultern sinken nach unten.
Meyer legt auf und sieht verwirrt, dass da tatsächlich jemand in ihrem Büro steht. Noch bevor sie in wieder hinauskomplimentieren kann ergreift der ungebetene Gast das Wort. „Guten Tag. Telefonkabel www.dieblen.deMein Name ist Josef Wandell. Ich möchte gerne meine Bewerbung bei ihnen abgeben. Heute ist doch Abgabetag. Und da habe ich gedacht, ich bringe sie persönlich vorbei“, schießt es aus ihm heraus. Etwas atemlos wartet er auf eine Erwiderung. „Was für eine Bewerbung?“, fragt die eigentlich dafür zuständige Sachbearbeiterin barsch. „Zum Online-Redakteur im Kulturamt. Die war ausgeschrieben.“ Fast hört es sich so an. Als müsste Wandel sich rechtfertigen überhaupt hier zu sein. Noch bevor er weiter machen kann klingelt das Telefon, mit einem nervigen Summen. „Ja, Meyer. … guten Tag. … Nein, kein Problem. Am besten machen sie das per Mail. … Mit ‚EY’.“ Schon wieder wird der Bewerber vergessen, ausgeblendet. Frau Meyer hat einfach was Besseres zu tun, als sich mit lästigen Besuchern rumzuschlagen.

Nicht mit mir

Nicht mit mir„Aber nicht mit mir“, denkt sich Wandel, reckt das Kinn vor und setzt sich auf einen freien Stuhl. Ganz nach dem Motto „Ich geh nicht weg. Mich wirst du so schnell nicht los.“ Dumm nur, dass Frau Meyer wo ganz woanders ist. „Ja, ich schicke es ihnen gleich zu. … Danke. … Auf Wiedersehen.“ Wandel rutscht auf seinem Stuhl vor, bereit sofort aufzuspringen. Nur leider wurde er komplett vergessen. Meyer arbeitet unbeirrt weiter, sucht die passenden Papiere, tippt hektisch eine Nachricht. Sie erscheint wichtig, viel beschäftigt, gefordert und dringend gebraucht. Aber diesmal lässt sich Wendel nicht abweisen. Diesmal nicht. Er steht auf und tritt an den Schreibtisch. „Ach, sie sind ja auch noch da. Wer waren sie noch mal und was wollten sie?“ Jetzt ist es an ihr unsicher zu werden. Das schlechte Gewissen sagt ihr, dass das nun wirklich keine Art ist, mit anderen umzugehen.
Das bemerkt auch Wandel, nützt seine Chance – und bleibt wahrscheinlich im Gedächtnis. Mehr als jeder andere Bewerber, dessen Mappe auf dem Tisch liegt. Mit ein bisschen Mut, Trotz und gutem Timing hat sich Wendel das gesichert, worum in viele andere Jobsuchende beneiden. Er ist nicht mehr nur ein Gesicht auf einem Foto. Er ist für den Personaler zu einer Geschichte, einer Erinnerung und vielleicht auch einem „Gläubiger des schlechten Gewissens“ geworden. Für Ursula Meyer wurde Wandel plötzlich menschlich.

Beobachtung eines fiktiven Bewerbungsgesprächs